Suche nach der Mitte von Berlin

 

PICT2782.JPGVor Jahren verlangte ein Freund am Ufer der Maas, dass ich ein Buch über Berlin schreiben solle „wie das von Claudio Magris über die Donau“. Eine unmögliche Aufgabe. Ich bin nicht Claudio Magris, und die Donau ist eher länglich eindimensional. Wenn man am Wasserhahn anfängt, aus dem sie entspringt, kommt man von selbst in die Nähe des Schwarzen Meeres, wo sie sich so verästelt, dass man nicht einmal über ein Ende nachdenken muss.

ISBN 978-3-7375-6119-8  216 Seiten  €15,00 im Buchhandel und hier.

Es ist ein Selbstdenkbuch etwas anderer Art. Es nimmt den Leser mit auf eine Suche, die janz weit draußen beginnt und sich vorsichtig in einer Spirale herantastet. Wer eine schnelle Antwort sucht (Wo ist denn nun die Mitte?), wird das Buch irritiert wegwerfen. Wer Spaß hat, sich auf eine Erkundung einzulassen, bei der es viel zu entdecken gibt, auch wenn nicht immer klar ist, ob es zum Erreichen des Zieles beiträgt, wer sich über Merkwürdiges und Absurdes verwundern kann, über Zufälle und Analogien, der wird sich mitführen lassen, Bekanntes und Unbekanntes mit frischem Blick anschauen und selbst unerwartete Zusammenhänge entdecken. Auch Zusammenhänge zwischen zopfigen Geschichten von früher und dem, was uns heute beschäftigt.

Jeder weiß, dass man nichts erkennen kann, wenn man zu dicht mit der Nase davor steht. Darum treten die Leute im Museum gerne ein paar Schritte zurück. Was vielleicht nicht jeder gewohnt ist, ist, noch weiter zurückzutreten und beim Nachdenken über das, was man dort hinten betrachten will, auch die Eindrücke von hier vorne, wo man gerade ist, mitzunehmen.

Das Buch könnte auch als Reiseführer benutzt werden. Aber man sollte es erst einmal von vorne bis hinten lesen, denn trotz scheinbarer Unordnung bauen die Kapitel aufeinander auf. Der wache Leser sammelt ähnlich wie in einem Computerspiel nach und nach immer mehr Werkzeuge, die beim Suchen des Ziels helfen.

Hanno Wupper

Eine ausführliche Rezension von Aro Kuhrt ist auf {berlin:street} zu finden.

  10 Responses to “Suche nach der Mitte von Berlin

  1. Hanno Wupper hat mich mit dem Buch „Suche nach der Mitte von Berlin“ erstaunt. Irgendwie auf eine andere Weise als sonst kommen Geschichte, Filosofie, Literatur, Architektur, Landschaftskunde usw. zusammen durch Logik.
    Es ist ein tolles Buch, was leicht zu lesen ist dank vieler humorvoller Stücke; trotzdem verliert es nicht an Tiefgang. Es beschreibt ausserdem einen Teil von Hannos Reisen und Interessen!

    Hanno Wupper versucht anders als andere Besucher, wenn sie bestimmte historische Stellen besuchen, das miteinander in Verbindung zu bringen: Europa ist ja ein vielfältiges Mosaik, wo die Mosaiksteine zusammenkommen, die dann auch – wie viele Schlösser und Kirchen – immer neu geschliffen würden. Das macht Europa spannend und irgendwie anders als andere Kontinente. Jedoch ist es meist schwierig, immer wieder die Verbände zu erkennen und zu legen.

    Hanno geht noch weiter, um nicht nur das tastbare sondern auch das geistige Erbgut zu beschreiben und zu erkunden; große Denker wie Voltaire mit der Aufklärung usw. kommen an Schnitt. Wie und was dachten die Leute und was haben sie uns ausser Steinen hinterlassen?

    Ich freue mich schon auf die kommenden Abschnitte!

  2. Gerade habe ich die letzte Seite des Buches gelesen, und ich bin wirklich begeistert; es ist sehr kenntnisreich, ohne belehrend zu wirken, und es ist sehr persönlich, dabei aber ehrlich, und es ist an vielen Stellen einfach witzig. Ich finde, der Bundespräsident sollte es zum Präsent für kommende Staatsgäste machen.

  3. Weil ich mich entschlossen habe, mir Zeit zu nehmen, um das Buch zu lesen, bin ich jetzt erst in Doorn angekommen – aber es lohnt sich wirklich, sich die Zeit zu nehmen und in diese Welt einzutauchen, denn es ist tatsächlich die ganze Welt, die hier in Erscheinung tritt, ganz eindeutig gehört der Autor zur zweiten Sorte Berliner. Nein er ist kein Claudio Magris, unser Autor, er ist wirklich er selbst, Gott sei Dank – und er hat mehr Auge für die Ironie der Geschichte als Magris, er hat mehr Liebe für das, was nur halbwegs gelungen ist oder halbwegs gescheitert ist. Er sieht, wann die Leute etwas Grösseres gewollt haben und es vielleicht nicht ganz so geschafft haben. Ausserdem ist er auf der Suche. Der Leser weiss nicht, ob der Autor genau weiss, was er sucht oder nicht, es könnte aber sein, dass er es weiss. Bis jetzt ein wunderbares Buch, und ich freue mich auf die weitere Lektüre, die ich leider jetzt für andere Tätigkeiten unterbrechen muss.

  4. Es macht richtig Spaß dieses Buch zu lesen. Ich lese es mithilfe von Google Maps/Earth und Wikipedia und komme darauf, dass das Buch ein Leitfaden durch die europäische Geschichte ist. Es ist soviel in dem Buch verpackt, dass ich nur täglich einen Abschnitt lesen mag und nebenbei mit Google und Wikipedia forsche.

  5. […] sondern auch bei deren Vertrieb hilft. Es ist ganz einfach: Man schreibt ein Buch, zum Beispiel Suche nach der Mitte von Berlin, macht daraus ein PDF, entwirft einen Umschlag, lädt beides hoch, kauft eine ISBN, und der […]

  6. Umständehalber war ich einige Tage nicht in der Lage, diese wunderbare Reise mit dem Autor zu unternehmen. Vielleicht ist das Buch auch nicht dazu geschrieben, in einem Guss gelesen zu werden, obwohl es so grossartig ‚wie aus einem Guss‘ geschrieben ist. Man ist wirklich auf Reise in der Geschichte, als ob man den Autor und sich selbst kennenlernt.

    Als Katholik in dieser ganz einzigartigen Mischung von Protestantismus und Aufklärung mit auf Reise zu gehen ist überhaupt keine schwierige Aufgabe – man fühlt Sympathie für diese eigene preussische Offentheit und Toleranz, die anders ist als die berühmte niederländische Toleranz, die so ist wie das Brot in diesem Lande.

    Aber ich bin mittlerweile schon in Rheinsberg angekommen und verweile dort für heute. Denn dieses Kapitel ist wirklich ausserordentlich! Und bestätigt eine Vermutung die ich schon lange heimlich hatte, dass dieses Buch ein tiefreligiöses ist, oder dass es die Religionsfrage ist, die dem Autor beschäftigt, ohne dass er sich dessen bewusst ist (das hört sich an wie eine jesuitische Argumentation, aber wenn der Autor dies hätte vermeiden wollen, hätte er mir den Text auch nicht zur Verfügung stellen sollen).

  7. […] Suche nach der Mitte von Berlin, Nijmegen 2015 […]

  8. Kein Reiseführer im üblichen Sinne, vielmehr ein Stadtbuch zum Entdecken des Unsichtbaren, Verschütteten, Verborgenen. Ein Erzähl- und Erklärbuch, ein Buch zum Einlesen und sich Verlieren, am Ende aber ein Verstehbuch. Eine Annäherung von der weitesten Ferne (dem Mons Penck auf dem Mond) und ein allmähliches Umkreisen der verborgenen Mitte von Berlin. Anekdoten, Episoden und schafsinnige Analysen, historische Streiflichter und Absurditäten des Alltags in einer grandiosen Mischung. Und natürlich ganz viel über die preußische Könige, Friedrich Wilhelm I. im Besonderen, sowie das Jagdschloss Stern.

    Wer Preußen und Berlin auf eine ganz besondere Weise kennen lernen möchte oder auch nur einige der ebenso informativen wie unterhaltsamen Themenführungen des Autors im Jagdschloss Stern nachlesen möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

  9. Beim Lesen ist mir klar geworden, dass die Texte unbedingt weiter verbreitet werden sollten. Die vielen Informationen, die kluge Darstellung von Zusammenhängen und der lässige Schreibstil sind einfach klasse. Obwohl ich ein „alter Berliner“ bin, der selber seit Jahren stadtgeschichtlich unterwegs bin, habe ich von Hanno noch eine Menge gelernt.
    Es ist beeindruckend. Und schön.

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