aus 1 180 km. Zwei Hauptstädte: Marjellchen

 

Ramona AzzaroWenn ich nachdenke, welche Linien von der Rom nach Berlin führen, fällt mir Ramona Azzaro mit ihrem Restaurant in der Mommsenstraße ein. Es heißt Marjellchen. Und das kam so:

In der unruhigen Zeit vor dem ersten Weltkrieg kam ein italienischer Maurer aus Udine nach Berlin, um dort sein Glück zu machen. In seiner Heimat vermischen sich das romanische Sprachgebiet mit dem slawischen und dem deutschen. Ihn aber zog es in die Hauptstadt des deutschen Reiches, die zugleich Hauptstadt von Preußen war.

Albino Barbarino fand dort Arbeit und lernte beim Tanzen seine Frau kennen. Die stammte aus, ja, wie soll man das heute nennen? Westpreußen? Ostpreußen? Polen war es damals nicht. Jedenfalls aus einer Gegend, wo sich das deutsche mit dem slawischen Sprachgebiet vermischt und wo hinter der Ostsee Skandinavisch und Finnisch gesprochen wird. Geographisch ist es so: Berlin lag damals mitten in Preußen. Im Westen erstreckte Preußen sich bis ins Rheinland. Östlich von Berlin begann irgendwann nach vierhundert Kilometern Westpreußen, nun polnisch, und dahinter Ostpreußen, nun aufgeteilt zwischen Russland, Polen und Litauen. Dass der Westen im Osten liegt, kam im Kleinen vorübergehend auch in Staaken vor. Wir werden darauf zurückkommen.

Die junge Frau aus Elbing, von Berlin aus hinter Danzig gelegen, noch in Westpreußen aber kurz vor Ostpreußen, hatte dort als Dienstmädchen gearbeitet, war glücklich und hat immer nur gut vom preußischen Adel geredet. Auf hartherzige neureiche Bürger war sie dagegen nicht gut zu sprechen. Als sie schwanger wurde, ohne verheiratet zu sein, musste sie nach Berlin, wo ledige Mädchen entbinden konnten. Der Sohn wurde weggegeben. So war das damals.

Dort fand sie also beim Tanzen ihren Mann. Das junge Paar hatte einen italienischen Familiennamen, kam aber aus dem nordöstlichsten und südöstlichsten Rand des deutschen Sprachgebietes und bekam in Berlin zwei Kinder.

Die Tochter – sie hieß Maria – heiratete dann einen weiteren Italiener, Giuseppe – also Joseph – Azzaro, der aus Tripoli nach Berlin gekommen war, um im Hotel Eden – Paradies – sein Glück zu machen. In Apulien, wo er geboren wurde, wurde hinter der See Albanisch und Griechisch gesprochen, in Tripoli, wo er gearbeitet hatte, Arabisch. Damit war auch der südöstlichste Rand des romanischen Sprachgebietes in der Familie vertreten.

1944, die Wohnung an der Wassertorstraße war bombardiert, wurde Mutter Maria ohne Mann und Kinder zur Erholung nach Ostpreußen verschickt. Dort war es noch relativ ruhig, dort hat sie das unzerstörte Königsberg kennengelernt. Bald sollte sie es brennen sehen.

In der schweren Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ging die junge Familie mit drei Kindern aus dem zerstörten Berlin nach Rom. Der Jüngste hatte schreckliche Darmprobleme, und in Rom sollte es Bananen geben. Dort wurde eine weitere Tochter geboren.

Aber die Familie, obgleich zu drei Vierteln italienisch, konnte in Rom nicht wurzeln und kehrte, als dieses Kind fünfzehn Monate alt war, enttäuscht nach Berlin zurück. Mutter Maria dachte immer an den Mann, der sie in Ostpreußen im Eisenbahnabteil so lieb angelächelt hatte. Wiedergesehen hatte sie ihn nie.

Dennoch ging Ramona als junge Frau mit einem weiteren Italiener, diesmal aus der Nähe von Laibach, nach Italien, um dort ihr Glück zu machen – und kehrte zwei Jahre später enttäuscht zurück. Jedenfalls hatte sie nun Italienisch gelernt.

Und als Ramona Azzaro 36 Jahre alt war, eröffnete sie in Berlin ihr Restaurant Marjellchen. Ein ostpreußisches Restaurant mit Gerichten, von denen ihre Oma immer erzählt hatte – das war schon so lange ihr Herzenswunsch, das sieht sie heute, nach dreißig erfolgreichen Jahren, als ihr Lebenswerk. Die Bilder an der Wand, die Speisekarte, Ramonas Erzählungen: alles dreht sich um Ostpreußen und ihre Großmutter. Ramonas zu drei Vierteln italienisches Blut, ihr Name, ihre Geburt in Rom, ihre Jahre in Italien – all das kam nicht an gegen ihre Liebe zu Ostpreußen, das damals schon lange verloren war.

Es gibt in Berlin Hunderte italienische Restaurants, aber nur ein ostpreußisches, und das wird von einer Römerin betrieben. Dort kellnert übrigens „dat Elke“ aus der Nähe von Aachen, vom westlichsten Rand des deutschen Sprachgebietes, wo es sich mit dem niederländischen und ein paar Kilometer weiter südlich mit dem romanischen vermischt.

Dort begann die Reichsstraße 1, die über Berlin nach Königsberg führte, der Hauptstadt Ostpreußens. Um Berlin zu verstehen, muss man Ostpreußen verstehen, nicht Rom, die Stadt, die Berlin nur scheinbar ähnelt. Aber so nah sind wir unserem Ziel noch nicht.

 Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)