Leseproben

 

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Der Anfang der Einleitung schließt an bei Altbekanntem:

Diese alte Geschichte ist viel zu aufschlussreich, als dass man sie Spinnern und Fundamentalisten überlassen sollte: Am Anfang, so lesen wir, schuf Gott die ganze Natur und am sechsten Tag, was auch immer damit gemeint ist, die Menschen als sein Ebenbild. Die durften im Paradies leben, allerdings mit der strengen Auflage, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen. Die Menschen jedoch wollten sein wie Gott und hielten sich nicht an dieses Gebot. Mit der Erkenntnis, was gut und böse war, handelten sie sich Scham, Mühe, Schuld, Sünde und den Tod ein. Später erzählte man, dass ein Apfel, die Frau und eine Schlange in diese Übertretung verwickelt waren und sich gegenseitig die Schuld gaben.

Nur weil etwas in der Bibel steht, ist es nicht automatisch Unsinn. Was hier beschrieben wird, erklären uns aufgeklärten Menschen Wissenschaften wie Biologie, Psychologie, Verhaltensforschung und Sprachphilosophie: Eines Tages war das Hirn gewisser Primaten komplex genug, um über das eigene Denken und damit über Normen und Werte nachdenken zu können. Damit war die Unschuld des Paradieses verloren. Wer das kann, kann sich nämlich absichtlich über Normen hinwegsetzen, lügen und sogar Verträge über die eigene Ehrlichkeit schließen und aus Berechnung brechen. Die Folgen kennen wir. In dem alten Mythos ermordet schon in der nächsten Generation jemand seinen eigenen Bruder aus niedrigen Beweggründen: nicht wegen einer Frau, nicht aus Hunger oder Wut, sondern weil er sich ausgeklügelt hat, dass sein Bruder dem Chef wohlgefälliger ist als er selbst. Und im wirklichen Leben geht es ja nicht viel anders zu.

Wenn wir weiterlesen, lernen wir, dass es Gott schnell reut, den Menschen geschaffen zu haben, er ihn aber auch nicht loslassen kann. Er schließt einen Bund mit ihm und bestätigt den mehrfach: „Wenn Ihr Euch an die und die Gesetze haltet, sorge ich dafür,   dass aus Euch noch was wird.” Praktisch das ganze dicke Buch handelt dann davon, wie die Menschen sich selbst und ihren Schöpfer immer wieder unglücklich machen und wie man damit umgeht.

Harry Mulisch beschreibt dann 1992 in seinem Roman Die Entdeckung des Himmels (De ontdekking van de Hemel), wie Gott auch noch ein paar tausend Jahre später alles bereut und diesen Bund endlich kündigen will. Umgekehrt wollen die Menschen Gott loswerden, und viele sind überzeugt, dass das schon gelungen ist.

Heinrich von Kleist dagegen fragt 1810 in seinem Aufsatz Über das Marionettentheater, ob wir nicht ein zweites Mal vom Baum der Erkenntnis essen müssen, um „in den Stand der Unschuld zurückzufallen?” Ja, das sei dann „das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.”

Das sind doch schöne Aussichten: ohne Gott wieder im Paradies leben. Nur haben wir Menschen inzwischen eine Art Wettrüsten angezettelt, wer den nächsten Apfel essen wird.

Der Apfel könnte bald wieder zu einem Problem werden

Lassen wir uns doch noch einmal auf diese alte Geschichte ein.  Da steht, dass wir Gottes Ebenbild sind und sein wollen wie er. Wenn das stimmt, müssten wir ja auch alles Mögliche schaffen wollen – ob es Gott nun wirklich gibt oder nicht. Und siehe da, wir wollen und tun es. Dieser ganze Produktkatalog im ersten Kapitel der Bibel, das wollen und können wir auch: Licht machen, hohe Kuppeln bauen, Land und Wasser trennen, Pflanzen- und Tierarten, die es noch nicht gab, patentieren, und so weiter und so weiter. Seit dem Mittelalter, wenn nicht länger, träumen Gelehrte auch vom Homunculus – und sehen durchaus die damit verbundenen Gefahren. Einige Menschen bringen zwar noch keine Homunculi, aber immer wieder neue Computerviren in Umlauf, die sich vermehren, evolvieren und nicht wieder auszurotten sind. Und unsere Computer werden immer lernfähiger. Manche wecken den Eindruck, sie könnten denken. Und manche sehen auch äußerlich so aus wie wir und bewegen sich so.

Wo wird das enden? Schnappen uns unsere Geschöpfe den nächsten Apfel weg und kennen dann auch den Unterschied von Gut und Böse, mit allen Folgen? Wird uns unsere Schöpfung bald reuen? Werden am Ende unsere eigenen Geschöpfe uns abschaffen wollen?

Zukunftsromane und Filme werfen seit über hundert Jahren immer wieder neues Licht auf diese Frage. Man kann sich zur Beruhigung einreden, dass das ja „nur“ Literatur und Kino ist, und  glauben, dass wir Menschen die Krone der Schöpfung sind und bleiben. Aber nicht alles, was man glaubt, wird davon wahr, auch wenn es noch so oft wiederholt wird.

Die Einleitung endet mit einer Bestandsaufnahme:

Wer genau hinschaut, sieht gegensätzliche Strömungen in dem, was sich da entwickelt, und Widersprüche in der Art, in der wir darüber denken. Vier Beobachtungen werfen vier Fragen auf:

Einerseits schreitet der Fortschritt unerbittlich fort. Da wurden und werden immer komplexere Maschinen geschaffen: zuerst solche wie Kirchenorgeln, dann programmierbare Webstühle, programmierbare Rechenmaschinen und seit einem halben Jahrhundert die (jedenfalls im Prinzip) universelle Maschine. Immer mehr technische Einschränkungen werden überwunden. Die Unterschiede zwischen Maschinen und Menschen verschwinden einer nach dem anderen. Rückt der sechste Schöpfungstag der menschlichen Schöpfung näher? Mit anderen Worten: Handeln wir uns Maschinen ein, die sein wollen wie wir?

Andererseits sind viele Menschen, auch Politiker, Entscheidungsträger und Denker, überzeugt, dass sich nichts Grundlegendes ändert. Menschen haben die Neigung, sich selbst und anderen einzureden, dass alles unter Kontrolle ist und bleibt. Von Maschinen, so wird immer wiederholt, drohe keine Gefahr, weil sie niemals auf eigene Gedanken kommen könnten, weil wir ihnen keine Macht übertragen und notfalls den Stecker ziehen würden. Als Argumente für die prinzipielle Überlegenheit der Menschen müssen alle möglichen Unterschiede herhalten: zwischen Mensch und Tier, Mensch und Maschine, freiem Willen und Determinismus, Materie und Geist, Stoff und Seele, Schöpfung und Evolution, gläubig und ungläubig etc. etc. Welche dieser Argumente sind stichhaltig?

Drittens verschwimmen die so gern beschworenen Grenzen schon längst. Manche Menschen haben emotionale Beziehungen mit ihren – als so andersartig postulierten – Hunden, Aufblaspuppen, und seit dem Tamagochi mit allerlei Geschöpfen der Computerwelt. Viele glauben immer bereitwilliger, was Computer ihnen sagen. Ist überhaupt noch eine klare Grenze in Sicht?

Viertens scheint das Phänomen Mensch seiner Aufgabe als Krone der Schöpfung müde zu werden. Zwar befreien die Entwicklungen der Technik immer mehr Menschen von täglichen Zwängen des Kampfes ums Dasein; zwar haben heute, jedenfalls im Westen, alle unbeschränkten Zugang zu den Errungenschaften jahrtausendealter Kultur und den Früchten der Aufklärung: wir können und dürfen Schriften lesen und Gedanken besprechen und weiterentwicklen, die früher verboten waren und es andernorts noch sind. Aber wie gehen wir mit dieser Freiheit um? Viele, auch akademisch ausgebildete Menschen wollen lieber keine freien Entscheidungen treffen, sondern verlangen nach Regeln, auch auf Gebieten, wo diese nicht unbedingt nötig wären. Wenn wir jedoch all unser Verhalten und unsere Entscheidungen einfachen Regeln unterwerfen wollten, könnten wir uns dann nicht besser durch Computer ersetzen lassen?

Der Kulturpessimist sieht sich umgeben von Mitmenschen, die vielleicht glauben, die Krone der Schöpfung zu sein, dabei aber lethargisch immer mehr Kontrolle an Maschinen abgeben und selbst gar nicht als freie, verantwortliche Menschen leben und lernen, sondern eher als ein regelgesteuertes Rädchen im Getriebe funktionieren wollen – wenn es nur Spaß macht.

Sie dagegen lesen hier weiter, weil Sie zumindest noch Ihre Neugier bewahrt haben. Lassen wir das Licht der Aufklärung neu anzünden und zusammen genau hinschauen und gut nachdenken!

Es lohnt sich immer, Bekanntes durch eine andere Brille zu betrachten, zum Beispiel die heutigen Erscheinungsformen von IT-Produkten:

Getier

So ein Staubsauger hat einen Körper, auch wenn wir ihn Gehäuse nennen, bewegt sich und interagiert mit seiner Umgebung. Damit ähnelt er nicht dem perfekten intelligenten Sklaven unserer Träume, aber doch dem perfekten Haustier. Warum geben wir ihm dann nicht gleich einen Tierkörper?

Es geschieht schon.

Vierfüßler. Der Hund ist angeblich des Menschen bester Freund. Wohl darum werden derzeit schon zahlreiche Roboter mit Hundekörpern entwickelt. Sie können nicht staubsaugen, sondern nur herumlaufen, mit dem Schwanz wedeln und mit Menschen spielen. Bei der Forschung geht es derzeit vor allem darum, von Tieren zu lernen bei der Entwicklung von Maschinen, die sich in schwierigem Gelände bewegen und orientieren sollen. Wenn das erst einmal gut funktioniert, kann man sie mit einem Rüssel ausstatten und Ungeziefer suchen lassen wie einen Ameisenbär, oder man entwickelt einen Kampfhund mit eingebautem Gewehr und Giftspritze. Oder, wenn sie klein sind, lässt man sie „Mäuschen spielen”. Solche Forschung findet immer Geldgeber.

Schlangen. Die Schlange ist ein faszinierendes Tier. Ihr Bewegungsapparat ist mechanisch viel einfacher als der eines Hundes oder einer Nähmaschine: viele gleichartige Glieder mit beschränkten Bewegungsmöglichkeiten. Auf die Ansteuerung, das Zusammenspiel dieser Glieder kommt es an, nicht auf feinmechanische Komplexität. Obwohl – oder gerade weil – die Schlange keine Arme und Beine hat, kann sie die schwierigsten Bodenverhältnisse überwinden und sogar, wie auf zahllosen Gemälden gut dokumentiert, in Apfelbäume klettern, um Frauen auf gefährliche Ideen zu bringen. Darum gibt es auch schon Maschinen mit Schlangenkörper, und auch die klettern schon in Bäume.

Staub. Hausstaub lebt. Was man für ganz kleine Abriebkörnchen halten möchte, entpuppt sich unter dem Mikroskop als Milben. Forschungsinstitute entwickeln derzeit etwas, das sie „intelligenten Staub” nennen, was aber viel mehr Möglichkeiten in sich hat: es ist eine Kreuzung aus Staub, Ameisen und Schleimpilzen. Ameisen sind ja jede für sich nicht besonders mächtig, aber zusammen können sie ungeheuer viel. Und Schleimpilze können sich zusammenballen zu den überraschendsten Formen, die wie ein höherer Organismus aussehen und sich auch so verhalten.

Hier verwischt der Unterscheid zwischen kommunizierenden Einzelorganismen und einem höheren Organismus.

Gespenster

Gespenster haben keinen Körper und sind darum unsichtbar. Man kann sie rufen, aber manche kommen auch ungerufen. Wenn sie sich manifestieren, klopfen und poltern sie, schlagen mit Türen, bringen Unheil oder verrichten nützliche Arbeit. Ob sie einen eigenen Willen und Gefühle haben oder nur tun müssen, was eine höhere Macht ihnen aufgetragen hat, ist selten deutlich. Die Guten verschwinden gern, sobald wir das Geringste falsch machen, und die Bösen wird man schwer los.

Da der aufgeklärte Mensch nicht an Gespenster glaubt, nennen wir sie jetzt “software agents”, aber es läuft auf dasselbe heraus. Zum Manifestieren brauchen sie einen Computer. Das Rufen nennt man „Herunterladen”, das Vertreiben „Löschen”. Meist ist es viel schwieriger als das Löschen eines Brandes und erfordert Handlungen, deren Komplexität einen Exorzismus übersteigt.

Die guten öffnen und schließen zum Beispiel unser Garagentor oder, wenn sie sich im Computer des Deichgrafen manifestieren, ganze Deichtore. Oder sie verwandeln unser Telefon in ein Spielzeug oder helfen uns bei der Steuererklärung oder dem Beweis mathematischer Sätze.

Vor allem die bösen vermehren sich und mutieren sogar. Manche guten, die man erwartungsvoll rief, entpuppen sich als böse. Wenn jemand sagt: „Ich habe mir einen Trojaner geholt,” drückt er sich sprachlich und historisch ungenau aus. Er meint: „So wie die Trojaner sich damals ein Pferd in ihre Stadt geholt hatten, habe ich mir ein Programm in meinen Computer heruntergeladen, und hier wie dort enthielt das eine äußerst unangenehme Überraschung.”

In welchen Computer so ein guter oder böser software agent geschlüpft ist oder ob er sich gar über mehrere verteilt hat, macht theoretisch nicht viel aus. Die Informatik lehrt, wie man die eine Manifestationsform in die andere überführen kann. Auch praktisch macht es immer weniger aus: viele Computerbenutzer können nicht unterscheiden, ob sie ihre e-mail mit dem eigenen Mail-Programm lokal verwalten oder sich mit einem “browser” auf dem “server” anschauen. „Es soll es einfach tun!”

Diese Gespenster können sich nicht nur vermehren, sie können auch miteinander verschmelzen und sind schwer abzugrenzen. Darum nehmen wir sie nicht immer als Ganzes wahr. Drei Beispiele.